
Freundliche Leser ! Wenn es dir Vergnügen
macht, einmal unsere Volksseele in ihrer Ursprünglichkeit kennen zu
lernen,
so greife zum Stabe und wandere mit mir in's hessische Bergland; in
will dir ein poesiumworbenes Volksfest zeigen, das
in seiner Eigenartigkeit in unserem Vaterlande selten zu finden ist.
Zufrieden wirst du vollauf Belohnung finden.
Von Marburg, der alten Musenstadt, 30 Kilometer nordwestlich im sogen
. Hinterlande liegt das preußische Kreis-
städtchen Biedenkopf. Stoßen wir uns nicht
an das Wort "Hinterland". Der Name stammt aus darmhessischer Zeit und
hat für unsere Tage keine Bedeutung mehr. Gewiß kommen wir
in stille Täler, aber die Kultur hat auch diesen abgelegenen
Gegenden ihren Stempel aufgedrückt wie auf andere Teile unseres
Vaterlandes. Wir verlassen die Bahn Marburg - Kreuz-
thal aud der Station Wilhelmshütte und wandern zu Fuß am
Waldessaum entlang auf Biedenkopf los. Auf der Höhe beim
neuen Schützenhaus machen wir halt, denn vor uns liegt in entzückender
Lage die Stadt. Umgeben von einer Reihe hoher
Bergkuppen, steigt aus dem Lahntalkessel der Schloßberg steil
empor. Die Spitze trönt das alte, aus dem 13. Jahrhundert
stammende Schloß. An dem Schloßberg angeklebt wie ein Schwalbennest
liegt die alte Stadt, während die neuen Stadtteile
sich mehr in's Tal hinstrecken. Wie ein Silberfaden schlängelt
sich die Lahn vom Westen kommend an der Stadt vorbei, den
eigenartigen Reiz der Lage noch erhöhend. Wir versenken uns eine
Weile in den Anblick dieses schönen Fleckens Erde,
schreiten aber dann zügig vorwärts auf unser Ziel los. Durch
einen schattigen Lahnweg zur Stadt. Unser Fuß betritt heute die
Stadt im Festlichen Gewande. Alle Häuser sind geschmückt
mit frischem Tannengrün, Blumen und Laubwerk; Girlanden, mit
Inschriften geziert, ziehen sich an Straßenübergängen
von Haus zu Haus und dazwischen wehen aus Fenstern und von den
Dächern Fahnen und Flaggen, um den Schmuck zu vervollständigen.
Auf dem Marktplatz stehen Kopf an Kopf in festlichen
Gewändern die Bürger in einzelnen Abteilungen um ihrer Fahnen
gescharrt un mit Führern an der Spitze. Hier und da tauchen
in schmucker Kleidung Reiter auf, die die Vermutung aufdrängen,
daß es obere Führer sind.
Da plötzlich stiebt die aufschauende Menge auseinander, ein Mohr,
ein leibhaftiger Mohr, anzuschauend wie einst der krieger-
ische Othello von Venedig, erscheint und setzt alles in Bewegung; doch
zum Nachdenken ist nicht viel Zeit, denn schon wird das
Auge von Neuem wieder gefesselt. Zwei Leute in bunter auffallender
Bekleidung jagen an uns unter lautem Peitschenknallen
vorüber und verschwinden ebenso rasch wie sie gekommen, und anderwärts
ebenso wieder auftauchen. Fragen wir nun er-
staunt, was hier los ist, so erhalten wir die stolze Antwort: "Wir
haben Grenzgang !"
Um den Grenzgang richtig zu verstehen, muß man echter Biedenköpfer
und mit dem Lahnwasser getauft sein. Ein Fremder,
und wenn noch so lange Jahre in der Stadt weilt, wird niemals mit der
Hingabe und innersten Begeisterung das unter obigem
Name Bezeichnete Fest mitfeiern können. Wenn der Biedenköpfer
den Namen nur hört, so schlägt ihm das Herz höher und
er wird freudiger gestimmt, denn das seit Jahrhunderten gefeierte Grenzgangsfest
ist ihm fast zu Fleisch und Blut geworden.
Selbst die, welche die heimatliche Scholle längst verlassen haben
und draußen im großen Vaterlande irgendwo weilen, oder
drüben über den atlantischen Wasser eine neue Heimat sich
begründet und längst Sitten und gebräuche der neuen Umgebung
angenommen haben, werden von tiefen und sehnsüchtigem Heimweh
erfüllt, wenn sie aus der alten Heimat erfahren, daß
wieder einmal ein Grenzgangsjahr gekommen ist. Wer es irgend möglich
machen kann, scheut kein Opfer und keine Kosten,
um dem Grenzgang, der die Jugenderinnerungen auffrischt und neue unauslöschliche
Eindrücke zurückläßt, beizuwohnen.
Die Bedeutung des Festes liegt ja in dem Worte selbst. In gewissen Zeitabschnitten,
gewöhnlich in der letzen hälfte des
August, jetzt alle sieben Jahre, früher alle neun Jahre und noch
früher soll es gar jedes dritte Jahr gewesen sein, begeht die
gesamte männliche Einwohnerschaft in organisierten Gruppen die
Gemarkungsgrenze, um auszuschauen, wo es notwendig
ist, oder die primitiven Grenzzeichen zu ordnen, wo das Bedürfnis
sich zeigt. In früheren Jahrhunderten, wo die Einrichtungen
in Staat und gemeinde noch in den Windeln lagen, war die öftere
Grenzbegehung geradezu eine zwingende Notwendigkeit,
denn die Linien zwischen Recht und Unrecht waren nicht allzuscharf
gezogen und die Begriffe über Mein und Dein waren
meist recht verworren. Mit dem Fortschreiten der Kultur und der Durchführung
geregelter Gesetzgebung, besonders aber
durch die in der zweiten Hälfte der vorigen Jahrhunderts von der
hessischen Regierung vorgenommene Vermessung des
Landes und die Setzung von Grenzsteinen verlor der Grenzgang seine
ursprünglich praktische Bedeutung und entwickelte sich
nach und nach zu dem, was er heute ist, zu einem Volksfeste im wahren
Sinne des Wortes, wo nur noch symbolisch seine
Notwendigkeit angedeutet wird.
Wie alt der Grenzgang ist, drüber gehen die Meinungen in der Bürgerschaft
recht weit auseinander. Welche behaupten, er
sei schon seit dem 13. Jahrhundert gebräuchlich, andere wieder
meinen, er sei im Anfang des 16. Jahrhunderts aufgenommen;
etliche sind sogar der Ansicht, daß der Grenzgang nicht älter
wie 150 Jahre sei. Letztere Meinung ist jedenfalls falsch, denn
erstens war man vor 150 Jahren in Kultureller Beziehung schon so weit
vorgeschritten, daß man schwerlich zu einem solchen
Mittel, um sein Eigentum zu wahren, Zuflucht zu nehmen brauchte, und
zweitens sind uns in einer dankenswerten Abhandlung,
welche im "Hinterländer Anzeiger" erschien, Protokolle aus dem
17. und 18. Jahrhundert bekannt gegeben, worin der Grenz-
gang bereits ein altes herkommen genannt wird. Auch die zweite Ansicht
ist unwahrscheinlich und ist vielleicht irrtümlich ent-
standen durch eine vom verstorbenen Landgerichtsrat Bork in oben genanntem
Blatte 1875 veröffentlichte Novelle. Dieselbe
läßt er im Reformationszeitalter spielen und hat darin beim
Grenzgang einen ganz besonderen Platz angewiesen. Da leider
keine früheren Urkunden vorhanden sind, so ist ja das Streiten
über die Frage des Alters recht müßig, doch trifft man
möglich-
erweise den Nagel auf den Kopf, wenn man die erstere Meinung als die
wahrscheinlichere annimmt. Nach der Zeit, wo das
große Kaisergeschlecht der Staufen im Kampfe gegen Papsttum und
Partikularismus der deutschen Fürsten unterlegen war,
herrschte in ganz Deutschland die wilde Anarchie und das Faustrecht
war der allgemeine Regent. In dieser Not entstanden zum
gegenseitigen Schutz überall Städtebündnisse und vor
allen die später so berühmte und gefürchtete Hansa. Auch
unsere Stadt
wird in dieser Zeit genötigt gewesen sein, zur Selbsthilfe seine
Zuflucht zu nehmen, um seine Grenzen gegen raublustige Nachbarn
zu schützen. Es ist derhalben durchaus nicht phantastisch zu nennen,
wenn man die Wiege des Grenzgang in dieser "Kaiserlosen
und schrecklichen Zeit" sucht.
In welcher Weise in früherer Zeit der Grenzgang vor sich ging,
auch darüber ist das aufklärende Material recht dünn. Über
manches Interessante gibt uns ja die erwähnte Abhandlung Aufschluß,
aber sich ein ganzes abgeschlossenes Bild zu machen, ist
leider nicht möglich. Von alten Biedenköpfern kann man ja
über die Grenzgänge des letzten Jahrhunderts, wenigsten bis in
die
dreißiger Jahre hinein, erfahren; überrascht wird man da
jedoch sein, zu hören, wie große Veränderungen mit denselben
in der
verhältnismäßigen kurzen Zeit vor sich gegangen sind.
Viele Gebräuche sind ganz verschwunden und andere werden nur noch
angedeutet. So zum Beispiel sind noch 1857 die Burschen mit Kitteln
angetan und mit Uerten (was ist das
`?) bewaffnet,
über die
Grenze gezogen, um eigenhändig aufzuhauen.
Heute wird dieser Brauch nur noch angedeutet durch zwei dem Zug voraus-
schreitende Sappeure. Auch blieb man früher
den ganzen Tag draußen im Walde; die Frauen und Mädchen zogen
dann am
Mittag hinaus, um den Ihren Essen zu bringen
und sich dann in Gottes freier Natur durch Tanz und Sang mit dem stärkeren
Geschlechte zu amüsieren, Diese Sitte ist
auch verschwunden und so dürfte es mit mancher anderen in frühere
Zeiten ebenfalls
gegangen sein.
Trotz der tief eingewurzelten Unhänglichkeit der Bevölkerung
an den Grenzgang gab es doch nach 1872 eine Periode, wo man
allgemein annahm, daß das Altehrwürdige ein Opfer des nivellierenden
Zeitgeistes werden und in das Meer der Vergessenheit
sich senken würde.
Da traten 1886 eine Anzahl von Bürgern zusammen mit dem Zwecke,
den schon zu den Toden Gezählten wieder aufzuwecken,
es bildete sich rasch ein Komitee und diesem gelang es unter rastlos
energischem Handeln, die Grenzgangssache wieder in Fluß zu
bringen. Was für Fragen zu lösen und was für Schwierigkeiten
zu überwinden waren, ist noch in aller Erinnerung, aber ein glänzender
Erfolg lohnte das Bemühen der Männer von damals. Nach dem
Grenzgang 1886 bildete sich ein sogenannter "Grenzgangsverein"
mit dem Zwecke, das Interesse für das alte Fest bei den Bürgern
wach zu halten und vor allem Gelder zu schaffen, welche die Feier
des nächsten Grenzgangs erleichterten. Daß die Beteiligung
eine rege war, bewies die stattliche Summe, welche im Laufe der Jahre
zusammengebracht wurde. Dem Grenzgangsverein ist es wohl in erster
Linie zu danken, daß das Interesse an dem Fest bis heute erhalten
geblieben ist und die letzten Grenzgänge in alter Weise zusammen
gekommen sind.
Und nun, aufmerksamer Leser, jetzt will ich einmal zu schildern versuchen,
wie der Grenzgang in neuerer Zeit gefeiert wird und dann
steige mit mir über die Grenze und du wirst in Wirklichkeit erleben,
wie schön sich alles vollzieht.
Verweilen wir nun etwas länger bei den Vorbereitungen.
Das Komitee erläßt zunächst einmal einen Aufruf zur
Bildung von Burschenschaften. Die Burschenschaften sind die geschlossenen
Vereinig-
ungen der jungen, selbstverständliche unverheirateten Leute und
bilden gewissermaßen die fest organisierte Waffe im Fest. Meist ent-
stehen selbe in den alten Burschenschaftslokalen, wo noch die Fahnen
vorhanden sind und es nehmen gemeinhin die Übriggebliebenen
vom letzten Grenzgang die Sache in die Hand, um die Wiederaufrichtung
der Burschenschaft zu erstreben und Burschen zum Beitritt zu
werben. Aber auch neue erscheinen auf der Bildfläche mit ansehnlicher
Mitgliederzahl denn jede Burschenschaft ist bemüht, so stark wie
möglich aufzutreten.
Die ersten Sitzungen werden meist ausgefüllt mit Wahlen; da muß
der Rechner und Schriftführer gewählt werden, sowie der Fahnenträger
und seine Begleiter. Hauptsächlich aber sind es die Führerwahlen,
dia am meisten Interesse erregen, denn es ist eine besondere Ehre, zum
Führer gekürt zu werden. Auf je 20 Burschen ungefähr
entfällt ein Führer, doch kann sich eine Burschenschaft auch
mehr als die ihr zu-
kommende Anzahl leisten, jedoch haben die Überzähligen keine
Stimmen in den Führerversammlungen.
Daß es bei der Anzahl von jungen Leuten größtenteils
lustig und ausgelassen hergeht, ist wohl leicht begreiflich; wird es zu
bunt, so greift der
1. Führer zu den Strafparagraphen und verdonnert den Störenfried
zu einem Quantum Bier, denn wohlgemerkt, nur mit Bier wird bestraft.
Treibt es jedoch ein Bursche zu hart, so kann es ihm blühen, daß
er einmal von einer Burschenschaft ausgeschlossen wird und dann mag er
während des Festes hinter dem Ofen sitzen; denn wer einmal von
einer Burschenschaft ausgeschlossen ist, darf in keiner anderen wieder
aufgenommen werde, es sei denn, daß der Burschenoberst Gnade
für Recht ergehen läßt.
Sind die Führer überall gewählt, so ruft das Komitee
selbe zu einer gemeinschaftliche Sitzung zusammen, um den Burschenoberst,
Burschen-
hauptmann und die beiden Wettläufer zu wählen. Der Burschenoberst
ist die vornehmste Person der Burschen, er führt das Kommando über
sämtliche Burschenschaften, leitet die Führer- und Reitersitzungen
und hat das Recht, in jeder Versammlung zu erscheinen. Seinen, sowie auch
den Anordnungen seines Vertreters, des Burschenhauptmanns, müssen
überall Folge geleistet werden. Man kann sich leicht denken, daß
beide Posten recht begehrenswert sind und es werden auch nur angesehene
und respektable Leute hierzu auserwählt. Übrigens ist es durchaus
nicht leicht, ohne Anstoß mit soviel jungem Blut fertig zu werden
und derhalben müssen beide Genannte auch tatvolle Personen sein. Burschen-
oberst und Burschenhauptmann wahlen sodann ihre Adjutanten. Dieser
einen aus den Führern und jener zwei aus den Offizieren. Die Offiziere
oder Reiter werden nicht wie die Führer gewählt, sondern
jeder sich freiwillig Meldende ist hierzu angenehm, denn meist ist doch
immer Not
am Mann. zudem ist es nicht jedermanns Sache, ein Pferd zu besteigen
und dann ist die Reiterei mid ziemlichen Geldkosten verknüpft.
Der Burschenoberst ruft, nachdem die Reiter und Führer vollzählig
sind, selbe zu den gemeinschaftlichen Sitzungen zusammen. Hier handelt
es sich meist um die Bekleidungsfragen. Bei den letzten Grenzgängen
trugen die Reiter dunkelblaue Joppe, hellgraue Beinkleider und hell-
blaue Schärpe. Der Hut war dunkelgrün mit weißer Straußfeder.
Der Oberst und seine Adjutanten trugen als Rangabzeichen schwarz-weiße
resp.schwarz-weiß-rote Federn. Die Führer bekleideten sich
mit schwarz-weiß-roter Schärpe und grünem Hut mit einfacher
Feder. Zu
bedauern ist jedenfalls, daß man hier nicht ein für allemal
bestimmte Kleidung festsetzt und sich gar zu sehr von der Mode bestimmen
läßt.
So hatten z.B. im Jahre 1900 in der Zeit des Burenkrieges sämtliche
Führer Hüte in Form der Burenhüte aufgesetzt.
Zu den originellsten und charakteristischsten Personen des Grenzgangs
gehören ohne Frage neben dem mohr die von den Führern zu wählenden
Wettläufer. Leider läßt sich nicht mehr mit Sicherheit
der Ursprung und der Zweck derselben feststellen. Heute dienen sie zum
Überbringen von
Botschaften und Anordnungen der Obersten und Führer. Es steht
zu vermuten, daß sie früher ähnlichem Zweck gedient haben.
Die originelle
Tracht - weiße Hosen, blaue oder rote Jacken, braune Schnürschuhe,
Barett mit schwar-weiß-roten Straußenfedern und die unvermeidliche
Peitsche - lassen die Wettläufer von allen sehr abstechen und
machen sie zu dadurch zu den meist beäugten Personen, besonders für
die
fremden Besucher des Grenzgangs. Ebenso geht es mit dem Mohr. Die Entstehungsgeschichte
desselben ist ebenso dunkel wie er selbst. Wenn
man den Überlieferungen Glauben schenken darf, so müssen
die alten Biedenköpfer arge Schalke gewesen sein. Es wird erzählt,
daß wenn
die Biedenköpfer Grenzgang gehabt hätten, wären die
Nachbargemeinden an der Grenze miterschienen, um aufzupassen, daß
selbe nicht
gar zu sehr berichtigt würde. Um diese lästigen Beobachter
los zu werden, wären die Biedenköpfer auf den Gedanken gekommen,
einen
Mann als Mohr verkleidet dem Zug voraus zu schicken. Die Landleute,
di in ihrem Leben noch keinen Schwarzen gesehen, hätten denselben
in
ihrer Herzenseinfalt für den leibhaftigen Teufel gehalten und
schleunigst Reißaus genommen. Die schlauen Biedenköpfer hätten
dann die Grenze
in ihrem Sinne berichtigt. Kostbar ist das Geschichtchen jedenfalls,
und wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. Daß man
zu den
Wettläufern sowie auch zum Mohr ebenso anständige wie auch
körperlich taktfeste Leute nimmt, ist natürlich, denn bei den
Anstrengungen der
drei Tage sind solche, die nicht Jedermann auszuhalten im Stande wäre.
Etwas später wie die Burschen erscheinen die Männer auf dem
Plane, um ihre Vorbereitungen für das Fest zu treffen. Selbe treten
jedoch nicht
gleich den Burschen zu beliebigen Vereinigungen zusammen, sonder nach
altem Brauch in abgeschlossenen Straßen. Gewöhnlich nimmt der
alte Führer vom letzten Grenzgang die Sache in die Hand und ladet
die Bürger der betreffenden Straße zur ersten Sitzung ein. Hier
kürt man
ebenfalls die Führer, Fahnenträger und Begleiter und zwar
zu letzteren Posten meist die jüngsten Männer.
Auch bei den Männern geht es urgemütlich her und es ist oft
ergötzlich anzuschauen, wie mancher alte Griesgram, der sonst jahraus
jahrein
nicht aus seinen vier Pfählen kommt, urplötzlich anfängt
aufzutauen. Gerade in den Männersitzungen zeigt sich recht die schönste
Seite des
Grenzgangs. Da sieht man Arm wie Reich, Bürger und Beamte in geselligem
Durcheinander, und alle Standesunterschiede, die sonst im
Leben so oft hemmend wirken, sind hier verwischt.
Originell sind einige Gebräuchen die sich hier und da bei den
Männern erhalten haben, so z.B. der "Fahneneid" ! Der erste Führer
fordert
die in den letzten sieben Jahren zur Straße hinzugekommenen Männer
auf, die vom ältesten Manne gehaltene Fahne zu berühren, un damit
darzutun, daß sie derselben Treue geloben. Während der halb
feierlichen, halb spaßigen Zeremonie hält der Führer eine
entsprechende
Ansprache. Genau wie den Burschen, gibt es auch bei den Männern
Offiziere oder Reiter. Die Tracht derselben ist ähnlich der der Burschen-
reiter, nur mit dem Unterschiede, daß hier statt hellblaue, schwarz-weiß-rote
Schärpen getragen werden. Auch bei den Männerführern verhält
es sich ähnlich.
Unterdessen, da sich die Bürgerschaft überall zum Feste rüstet,
hat auch das Komitee seine Arbeiten emsig weitergesponnen. Mancher, der
den Grenzgang von A bis Z mitgemacht hat und alle Einzelheiten nach
dem Schnürchen sich abwickeln sieht, denkt vielleicht zu allerletzt
an
die Summe von Arbeiten und Mühenwaltungen, die das Komitee gehabt
hat, ehe alles in so schöner Weise "Klappte" ! Da müssen die
Plätze
auf dem Festplatz verpachtet werden, dort muß mit auswärtigen
Schaustellern korrespondiert werden, hier muß die Festordnung festgestellt,
dann auch für die Ausschmückung der Straßen Sorge getragen
werden. Weiter kommen die finanziellen Fragen, die Frage um das Feuerwerk
usw. usw. Da nun das Komitee die Leiterin des Ganzen ist, so müssen
auch noch die dauernd auftretenden Fragen seitens der Führer. Männer
und Burschenschaften erledigt werden und daß da manche Sitzung
notwendig ist, ist wohl begreiflich. Die vornehmste Sitzung dürfte
vielleicht
diejenige sein, in welcher der Männeroberst
gewählt wird. Nicht, wie bei den Burschen, die Führer, sondern
das Komitee wählt den Oberst
der Männer. Da dieser das Oberhaupt des ganzen Grenzganges ist,
so ist es wohl natürlich, daß das Komitee mit größter
Sorgfalt bei der
Wahl desselben verfährt. Daß man bei den letzten Grenzgänen
die richtigen Männer an richtiger Stelle zu setzen gewußt hat,
beweist das vor-
zügliche Gelingen der Feste.
Endlich nach langem Harren und Sehnen und nach mancher feuchtfröhlichen
Sitzung kommt die Zeit heran. Die Witterungsverhältnisse werden
schon Wochenlang beobachtet und wenn, wie im Jahre 1894, dauerndes
Regenwetter vorm Grenzgang ist, sinkt langsam die hoffnungsvolle
Stimmung.
Eifrig geht man ein paar Tage vorher an die Ausschmückung der
Straßen; besonders ist hier die Frauenwelt bemüht zu zeigen,
wie sehr ihnen
ebenfalls der Grenzgang ans Herz gewachsen ist. In den Höfen und
vor den Türen sieht man sie bis tief in die Nacht sitzen und unter
ihren
geschickten Händen entstehen bald die endlosen, zum Schmuck so
notwendige Laubgewinde. Auch die Mitglieder des Komitees haben alle
Hände voll zu tun, denn es ist keine Kleinigkeit, den Wünschen
Aller Rechnung zu tragen. Wenn der Vorabend naht, ist die ganze Stadt in
einen Wald verwandelt und richtige Grenzgangsstimmung hat alle erfaßt.
Bald ertönt die erste Musik von den Marktplätzen und viele
strömen dorthin, um sich an den lustigen Weisen zu ergötzen.
Die Wirtschaften
ringsum sind überfüllt und besonders die mit bunten Lampions
gezierten Balkone, von wo aus die dunkle Nacht zuweilen durch bengalisches
Feuer erhellt wird. Still und stiller wird es dann ringsum und alles
hat sich zur Ruhe begeben; aber die meisten werden nicht schlafen können
in Erwartung der kommenden Tage.
Da taucht der erste Böllerschuß vom alten Schloßberg
nieder und schreckt alle vom Lager auf. Der erste Blick fällt durchs
Fenster nach dem
Wetter, ist es günstig, wird man sich fröhlich zum Feste
rüsten, ist es aber, wie 1894 ein Grenzgansdichter singt:
Wie wahr, denn schon 1914 fiel der Grenzgang dem 1. Weltkrieg zum
Opfer...
